18. Oktober 2012

Das vergessene Varieté / The forgotten Cabaret





Um 1900 gab es in Berlin einen Varieté-Boom. Durch Ernst von Wolzogens "Überbrettl" / "Buntes Theater" (das einen tollen Innenraum von August Endell bekam, der leider nicht mehr erhalten ist) wurden kleine und große Cabarets sehr beliebt und zogen viele Leute an, die sich im angegliederten Restaurantbetrieb auch gleich noch die Bäuche voll schlugen (ein heute noch bestehendes Lokal dieser Art ist "Clärchen´s Ballhaus"). Die Theater versuchten entweder, mit wenig Aufwand viel zu erreichen oder protzten gleich mit Stuck, Lüstern und Kristall (das "Wintergarten"-Varieté im Central-Hotel zum Beispiel). 
Ein lange vergessenes Theater aus dieser Zeit wurde nun in einem Berliner Hinterhof in Mitte entdeckt. Das war eine Überraschung für mich und zugleich die Bestätigung einer Vermutung: Im nebenan gelegenen Stadtbad Mitte kann man von der Sauna aus nämlich auf besagten Hinterhof gucken (übrigens durch schöne Glasfenster von Max Pechstein). Und ich hatte mich schon immer gefragt, was sich wohl hinter den großen, zugemauerten Bogenfenstern versteckt. So auch der Inhaber der Immobiliengruppe, der bei einem Besuch des Stadtbades magisch angezogen wurde von dem Bau mit bröckelnder Grandezza - im Gegensatz zu mir aber ließ er nicht locker und besorgte sich einen Schlüssel zum Gebäude. Was er fand, waren Reste von Jugendstil-Treppenhäusern, verblassende Wandmalereien und - begraben unter den herabgefallenen Resten eines Gewölbes - einen alten Theatersaal mit Stuck. Das Gebäude stellte sich als die von Oscar Garbe erbauten "Kolibri-Festsäle"(zunächst "Fritz Schmidt´s Restaurant und Festsäle") heraus. Ab den frühen 30er Jahren verliert sich die Spur des bis dahin beliebten Lokals. Es geriet in Vergessenheit und verfiel, überstand Bombennächte, die deutsche Einheit und die Nachwende-Zeit im Dornröschenschlaf. Obwohl stark verfallen, sieht man ihm eine gewisse Pracht von außen noch an - ich habe mal im zweiten Bild von oben versucht, anzudeuten, wie die Fassade verputzt gewesen sein könnte (eventuell war in dem Bereich unter den großen Fenstern noch etwas, ovale Vertiefungen, gefüllt mit Stuck-Motiven vielleicht, oder die Fenster waren doch noch größer). Man beachte das kleine Jugendstil-Fenster in Form einer Blüte im Untergeschoss! Innenaufnahmen schaut man sich am besten hier an. Auch dieser Blog ist sehr interessant. Das Theater soll restauriert werden, aber ob es wieder als das genutzt werden kann, ist ungewiss - heute gelten andere Lärmschutzbestimmungen als 1905...

In the early 1900´s, cabarets in Berlin were booming. Amongst others the "Überbrettl" / "Buntes Theater" of Ernst von Wolzogen (which became an eccentric but beautiful interior by art nouveau architect August Endell) helped to make music halls popular. One of the last remaining vaudevilles of that period in Berlin is "Clärchen´s Ballhaus".
The "Kolibri-Festsäle" (former "Fritz Schmidt´s Restaurant und Festsäle") were build by building tycoon Oscar Garbe and were not that lucky as the "Ballhaus". After the opening in 1905 they seem to have been quiet popular, but in the 1930ies suddenly were closed (maybe through Nazi influence) and fell into disrepair and silence. For decades, the theater slept like a sleeping beauty, serving as a storage and being only partly used, mostly in the basement, by a small firm, which neglected the building as well as the owners did. The ceiling of the nice theater room disintegrated and feel to the ground, covering a balustrade beneath it, the color of the stucco masks and wall paintings flaking off and clogging with debris. The funny thing is: I looked onto this building many times, always suggesting something interesting behind the closed windows, but never knowing what it really was, because you can look onto it from the adjacent sauna windows of the Stadtbad Mitte (which are, by the way, real art works made by Max Pechstein). I wondered if a church room or something was hidden in there. The same did an investor once going to the bath and gazing the building from the huge glass windows of the swimming pool section. Unlike me, he got to get a key for the building and got access to it - and found the old theater.
In the second picture from above I tried to give a little impression of how the facade might have look like (only a bit, I´m sure it will have been much more elaborate) with its original neobaroque cuboid plastering that it supposedly had (you can see remains of it in the last picture). Note the blossom-like art nouveau window frame in the basement section - it must have been a nice appearance of humble Grandezza, inviting to have fun in the inside. You can see good interior shots of the present state here. Also, this blog is very interesting, having reported about a temporary public opening of the theater earlier than me.
The cabaret is planned to be restored - although it most likely will not be used as a music hall again. The laws for noise protection of today are others than those from 1905...